Wir erkunden die Moschee in Thannhausen

Mittelschwäbische Nachrichten am 10.10.2008  

Wo früher der Squashball hüpfte, wird jetzt gebetet

von maximilian czysz

Thannhausen Auf einem Tisch am Eingang liegen die Mittelschwäbischen Nachrichten aus. Und die „Bizim Gazete“, was übersetzt „Unsere Zeitung“ heißt. In dem türkischen Blatt wird über das Kandidatengerangel um den bayerischen Ministerpräsidenten berichtet. Rasit Araz setzt sich, um einen Augenblick zu verschnaufen: Für die vielen Helfer bleibt nur noch wenig Zeit bis zur Eröffnung der neuen Moschee im Industriegebiet. Am Samstag soll das Gotteshaus der Islamischen Gemeinde mit viel Prominenz gefeiert werden.
Damit wird ein Strich unter die turbulenten Jahre gezogen, als sich Widerstand gegen die Pläne einer Moschee mit Minarett regte. Eine Bürgerinitiative gründete sich, am Ende ließ der Islamische Verein von dem Vorhaben ab. Mit dem ehemaligen Fitnessstudio im Gewerbegebiet fanden die Muslime schließlich eine Bleibe: Das Gebäude mit seinen rund 1400 Quadratmetern Fläche wurde zwangsversteigert. Für 268 000 Euro erhielt der Verein mit seinen derzeit rund 190 Mitgliedern den Zuschlag. Fast noch mal so viel Geld musste für die Renovierung aufgebracht werden. Seit Februar 2007 werkeln die Mitglieder.
Der Gebetsraum ist das Prunkstück der Moschee
Tausende freiwillige Arbeitsstunden stecken in dem Gebäude. Der große Gebetsraum im oberen Geschoss ist zu einem Prunkstück geworden. Aus der Türkei wurden eigens über eine Tonne aufwendig gestalteter Kutahya-Fliesen importiert. Der Kronleuchter - der obere Ring hat einen Durchmesser von drei Metern - ist eine Maßanfertigung und wurde von einem Mitglied gespendet. Letzteres gilt auch für die kleine Kuppel, die sich wie ein Himmel über den großen Raum spannt. Dazu gehören die Gebetsnische, die Empore, das Podest sowie die Stelle, an der der Muezzin die Gläubigen zum Gebet ruft.
Dort, wo früher Sportler dem Squashball nachjagten, knien jetzt die Männer nieder und beten. Und das bereits seit einem halben Jahr.
Die Frauen haben auf der verglasten Empore darüber die Gelegenheit zum Gebet. Am Tag vor der Eröffnung bringen sie die Moschee auf Hochglanz - mit und ohne Kopftuch. Das ist kein Problem. Nazim Göze, Vorstandsmitglied des Vereins, stellt klar: Vor Gott sind alle gleich, da spielt die Kopfbedeckung keine Rolle. Und: „Unsere Frauen sind voll ins Geschehen eingebunden. Sie planen alles mit. Ohne sie würden wir untergehen.“ Ähnlich offen geht Göze mit Besuchern um: „Jeder darf kommen. Das ist ein Haus Gottes. Es gehört jedem.“

Artikel vom 09.10.08

Grußwort zur Eröffnung der Moschee in Thannhausen am 11.10.2008


Sehr geehrte Festgäste, liebe Kinder, Merhaba cocuklar
Im Namen der drei Thannhauser Schulen möchte ich Ihnen zu diesem schönen Haus gratulieren und meinen Respekt für diese großartige Gemeinschaftsarbeit zum Ausdruck bringen. In diesem kurzen Grußwort möchte ich auf die Rolle des Islam an unseren Schulen eingehen und dann noch ein paar Gedanken zum Unterricht und zur Zusammenarbeit äußern. An der Anton-Höfer-Grundschule, die ich hier vertrete, sind derzeit 67 Kinder mit muslimischem Glauben von insgesamt 240 Kindern. Das sind knapp 30 %.
An der Hauptschule Thannhausen sind es von 80 Schüler von 420, das sind ca 20 %
An der Realschule sind es 22 Schüler von 780 - das sind knapp 3 %.
Das Thema Islam findet seinen Niederschlag in der kath. und evang. Religionslehre und im Ethikunterricht, den die muslimischen Kinder besuchen müssen. Im Religions- und Ethikunterricht lernen alle Schüler die 5 Säulen des Islam kennen, nach Mohammed sind es das Glaubensbekenntnis, das Gebet, die Almosen, die Wallfahrt und das Fasten im Monat Ramadan." Alle Schüler erfahren, dass die drei Welt-Religionen Judentum, Christentum und Islam im Stammvater Abraham (arabisch: Ibrahim) eine gemeinsame Wurzel haben und sie erfahren Interessantes über die Kultur und Lebensweise der muslimischen Mitbürger hier und in ihrer Heimat.
Dieses Wissen ist wichtig, denn man sagt nicht umsonst: Nur was ich kenne, achte ich.

Diese Achtung vor religiöser Überzeugung anderer, wie sie in Art 131 der Bay. Verfassung gefordert wird, hat uns in der Grundschule seit veranlasst,
zum Schulanfang in einer interreligiösen Feier der christlichen Andacht ein muslimisches Segensgebet hinzuzufügen – in diesem Jahr mit Imam Kilic-Aslan. Danke noch mal! Tesekkür
Muslimische Kinder tolerieren die christliche Morgenfeier zu Beginn des Schultages – dürfen sie aber auch durch ein muslimisches Gebet bereichern.   
(Ich erinnere mich an ein beeindruckendes Gebet von Semih K., die alljährlichen Moscheebesuche der 4. Klassen oder an die Einladungen zum Fastenbrechen.)
Zusammenfassend meine ich, dass wir uns hier in den Thannhauser Schulen auf einem guten gemeinsamen Weg befinden. Nicht ganz so zufrieden sind die Schulen und wir Lehrkräfte, wenn es um den Unterricht und eine erfolgreiche Schulzeit geht.
Der geringe Anteil von Realschülern hat seinen Grund - meiner Meinung nach - nicht nur in Sprachproblemen. Natürlich ist es sehr wichtig, dass unsere Mitschüler neben ihrer türkischen oder albanischen Muttersprache auch die deutsche Sprache beherrschen und sie auch in der Familie pflegen.
So stellen wir an unserer Schule gerne Räume zur Verfügung - einerseits für den muttersprachlichen Unterricht der Schüler über das türkische Konsulat – andrerseits aber auch für Deutschkurse für Mütter mit Migrationshintergrund.
Es ist übrigens eine tolle Chance, zweisprachig aufzuwachsen – das hätte ich mir auch gewünscht, da hat es leider nur zu Deutsch und Schwäbisch gereicht…

Liebe muslimischen Eltern, wir wünschen uns, dass bei einigen von Ihnen zu Hause die Schule einen noch höheren Stellenwert bekommt, z.B. bei der Erledigung der Hausaufgaben,
bei der Vorbereitung auf Probearbeiten oder bei der Teilnahme an schulischen Veranstaltungen.
Mein Kollegium ist gerne bereit, in Ihrem Vereinsheim einmal einen Elternabend für türkische Eltern abzuhalten. Da wäre dann genügend Zeit, darüber ins Gespräch zu kommen.
Denn das würde heute den Rahmen eines Grußworts sprengen.
Und so darf ich zum Schluss Ihnen und Ihren Familien auch im Namen von Rektor Walter Herold, der heute leider verhindert ist und dem hier anwesenden Konrektor Christian Zingler von der Realschule noch einmal gratulieren und alles Gute wünschen. 

Danke - Tesekkür                                                                                    Rektor Karl Landherr

Pressebericht  in "Die Woche" (von Günther Meindl)

Integrationsdebatte in der Moschee - Podiumsdiskussion im Rahmen einer Elternversammlung der Thannhauser Schulen in der Moschee am 24.9.2009
 
Thannhausen. Zu einer Podiumsdiskussion unter dem Stichwort „Bildung als Chance – Thannhauser Schulen und Kindergärten im Gespräch mit Eltern“ hatten die Stadt Thannhausen, die hiesigen pädagogischen Einrichtungen und der Vorstand der Islamischen Gemeinde alle Interessierten neulich im Rahmen der „Interkulturellen Woche im Landkreis Günzburg“ ins Islamische Gemeindezentrum geladen. Knapp 100 Besucher fanden sich ein, um die Statements von Bürgermeister Georg Schwarz, des Vorsitzenden der Islamischen Gemeinde Mehmet Ali Aksakal, der Erzieherinnen Lucia Burkhardt-Schmid (Kindergarten St. Vinzenz) und Monika Makowczynski (Kindergarten Arche Noah), der Konrektorin Eva Bayer von der Anton-Höfer-Grundschule, der Lehrerin Brigitte Wiedemann von der Hauptschule sowie des Lehrers Günter Kugelmann von der Christoph-von-Schmid-Realschule zu hören und mit ihnen zu diskutieren. Im Mittelpunkt des Ganzen stand natürlich wieder einmal das Thema „Integration“, diesmal natürlich in Verbindung mit der an Migrantenkinder vermittelten Bildung. Als Moderatoren fungierten Grundschulrektor Karl Landherr und Hayriye Özdemir, die Elternbeiratsvorsitzende der Hauptschule.
Sprache als Schlüssel zum Erfolg
Es gehe, so Bürgermeister Georg Schwarz, stets darum, etwas für das Zusammenleben zu tun, was angesichts der verschiedenen Kulturkreise nicht immer einfach sei. In der Sprache sieht Schwarz das wichtigste Instrument für Bildung und Integration.
Die Vertreterinnen der beiden Kindergärten machten deutlich, dass in ihrem Wirkungskreis alles unternommen werde, um dem Genüge zu tun, was angesichts der Tatsache, dass beispielsweise im Kindergarten Arche Noah derzeit mehr als die Hälfte der Kinder einen Migrationshintergrund aufweisen, dringlicher denn je erscheine. Auch dabei wurde deutlich, dass die Sprache der Schlüssel zu jeglicher Förderung sei. Der Bildungs- und Erziehungsplan habe sich den veränderten Bedingungen – etwa durch Sprachförderprogramme - längst angepasst, um allen gleiche Chancen zu gewähren.
Wenig Respekt vor Lehrerinnen
Ähnlich sei, so Eva Bayer, natürlich auch die Situation an der Grundschule. Durch gezielte Förderung werde sehr viel in der gewünschten Richtung – insbesondere mittels Sprachunterricht – getan. Leider, so die Konrektorin, würden speziell ausländische Buben weiblichen Lehrkräften gegenüber wenig Respekt zeigen. Auch seien für einige Eltern nichtdeutscher Nationalität die schulischen Belange scheinbar von untergeordneter Bedeutung, was vielleicht auch daher rühre, dass in der Türkei oder in Russland ein etwas anderes Verständnis von Schule vorherrschend sei.
Teilnahme an schulischen Veranstaltungen nicht verwehren
Brigitte Wiedemann erklärte, dass sich die bereits an der Grundschule offenbarten Probleme dann an der Hauptschule fortsetzen würden. Niemand solle seine Wurzeln verleugnen, in der Schule werde aber natürlich Deutsch gesprochen, und überdies, so die Hauptschullehrerin, sei es doch „toll, wenn Kinder mehrsprachig heranwachsen“. Dies eröffne beste Berufsperspektiven. Bedauerlicherweise würde es noch zu wenig Freizeitaktivitäten ausländischer Kinder in hiesigen Vereinen geben. Auch sei es im pädagogischen Sinne falsch, wenn musilimische Mädchen von ihren Eltern die Teilnahme an bestimmten schulischen Veranstaltungen verwehrt werde.
Keine Probleme an der Realschule
Keine Sprachprobleme, so Günter Kugelmann, gebe es mit Migrantenkindern an der Christoph-von-Schmid-Realschule. Deren Zahl sei im Vergleich zu den deutschen Mitschülern eh relativ gering, und jene Ausländerkinder, die den mittleren Bildungsabschluss wählen, würden die deutsche Sprache natürlich schon beim Schuleintritt hinreichend beherrschen. Es gehe darum, Werte zu übernehmen, ohne die Herkunft zu vergessen. So definiert Kugelmann für die Migrantenkinder den Begriff Zukunft.
Einander verstehen lernen
Den Statements folgte eine ergiebige Diskussion mit den Zuhörern zu allen nur denkbaren Themen innerhalb dieses Problemfeldes. Abschließend – ehe man noch zur Verköstigung eines von den Gastgebern kreierten Büffets überging – meinte Bürgermeister Georg Schwarz, dass es keinesfalls um Schuldzuweisungen gehe, sondern darum, einander verstehen zu lernen und gemeinsame Wege zu suchen. Jeder Dialog führe zu Lösungen, und vielleicht sei es dann eines Tages auch möglich, dass muslimische Mädchen am Schwimmunterricht oder an einer Expedition wie unlängst jener auf dem Jakobusweg teilnehmen können.
Günther Meindl

Statements der Vertreter der Kindergärten und Schulen zur aktuellen Situation und zu Chancen, Problemen und Wünschen 
v.l. Lehrer Günter Kugelmann, Christoph-von-Schmid-Realschule, Lehrerin Brigitte Wiedemann, Hauptschule, Mehmet Ali Aksakal und der 1. Bürgermeister der Stadt Thannhausen Georg Schwarz, Konrektorin Eva Bayer, Anton-Höfer-Grundschule, Kindergartenleiterin Lucia Burkhardt-Schmid (Kindergarten St. Vinzenz) und Erzieherin
Monika Makowczynski (Kindergarten Arche Noah) sowie die Moderatoren Hayriye Özdemir und Rektor Karl Landherr

Einladung zur Elternversammlung in der Moschee
Integrationsbeirat veranstaltung.pdf
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